«Das ist nicht gleich, also ist es nicht gerecht.»
Diesen Satz habe ich im Verlauf meiner beruflichen Laufbahn als Personalmanagerin wiederholt gehört. Dabei beruht er auf einer grundlegenden Verwechslung: Gleichheit und Gerechtigkeit bedeuten nicht das Gleiche.
Gleichheit besteht darin, auf alle Menschen dieselbe Regel anzuwenden.
Gerechtigkeit besteht darin, die unterschiedlichen Umstände zu berücksichtigen, um eine gerechte Behandlung zu erreichen.
In einem Unternehmen ist diese Nuance von entscheidender Bedeutung. Zwei Mitarbeitende können genau den gleichen Posten bekleiden, den gleichen Grad an Verantwortung haben und trotzdem nicht genau das Gleiche verdienen. Und das ist vollkommen normal.
Ich erinnere mich insbesondere an eine Situation, die ich als Personalmanagerin erlebt habe. Zwei Mitarbeitende besetzten vergleichbare Posten. Gleicher Grad an Verantwortung, gleiches Team, gleicher Vorgesetzter. Einer der beiden fand heraus, dass er etwas weniger als sein Kollege verdiente. Seine Reaktion war vollkommen verständlich:
«Wir machen die gleiche Arbeit. Warum verdiene ich weniger? Es ist nicht gleich, also ist es nicht gerecht.»
Doch das konnte nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Diese beiden Personen hatten einen unterschiedlichen Background: berufliche Laufbahn, Erfahrung, Fachkompetenz, Betriebszugehörigkeit oder besondere Fähigkeiten. All das kann zu einer unterschiedlichen Gehaltseinstufung führen.
Das Ziel einer Gehaltspolitik ist also nicht, dass alle genau das Gleiche verdienen. Es geht darum sicherzustellen, dass die Unterschiede kohärent, objektiv und begründbar sind.

Eine andere Situation ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Ein Vorgesetzter wollte eine sehr einfache Regel auf sein Team anwenden:
«Ich möchte alle gleich behandeln. Das ist gerechter.»
Dies geschah natürlich in guter Absicht. Das Streben nach Gleichheit hätte jedoch auch hier zu Ungerechtigkeit geführt. Denn nicht alle Mitarbeitenden haben die gleichen Interessen, die gleichen Bedürfnisse oder die gleichen Beweggründe. Manche möchten gern mehr Verantwortung übernehmen. Anderen wiederum ist das Fachliche oder selbständiges Arbeiten wichtiger. Manche werden durch Anerkennung motiviert, andere durch Verdienst, Karrierefortschritte, Flexibilität oder einfach den Sinn ihrer Arbeit.
Diese Unterschiede zu verstehen hat nichts mit Bevorzugung zu tun. Es ist intelligente Führung.
Ausserdem lässt sich so die Arbeit im Team optimieren: Die Motivation jedes Einzelnen herausfinden, seinen Führungsstil entsprechend anpassen, denen mehr Verantwortung übertragen, die dies gern möchten, denen Sichtbarkeit bieten, für die das wichtig ist, und denen mehr Freiheit lassen, die so besser arbeiten können.
Alle genau gleich zu behandeln kann gerecht erscheinen. In Wirklichkeit kann es dazu führen, das Potenzial jedes Einzelnen nicht richtig zu nutzen.
Hier ist die Rolle der oder des Vorgesetzen – mit Unterstützung der Personalabteilung – von entscheidender Bedeutung. Es geht nicht darum, alle Unterschiede im Namen der «Gerechtigkeit» zu rechtfertigen. Eine Ungleichbehandlung muss sich begründen lassen.
In Bezug auf unsere Rechte ist Gleichheit unabdingbar. Wir sind beispielsweise alle gleich vor dem Gesetz und in Bezug auf unsere Pflichten (d. h. Sozialabgaben, Steuern, Einhaltung von Unternehmensregeln…).
Im Unternehmen hingegen kann das Bemühen um Behandlungsgleichheit mitunter den gegenteiligen Effekt haben.
Gerechtigkeit bedeutet nicht, alle gleich zu behandeln. Sondern Unterschiede anzuerkennen, zu verstehen und zu versuchen, gerecht mit ihnen umzugehen, zu Gunsten des Einzelnen sowie des Kollektivs.
Und das ist wahrscheinlich einer der wichtigsten Unterschiede zwischen der Führung eines Teams und der einfachen Anwendung von Vorschriften.