In Unternehmen gibt es Situationen, die sich durch bemerkenswerte Beständigkeit auszeichnen. Entscheidungen bleiben liegen, Dossiers landen immer wieder auf dem Tisch und dieselben Personen müssen dieselben Fehler korrigieren. Irgendwann nehmen Teams es als gegeben hin, dass sie einen Teil ihrer Energie dafür aufwenden müssen, die Defizite eines Kollegen aufzufangen.
Dem Management bleibt all das nicht lange verborgen. Und doch vergehen die Jahre. «Er kennt das Unternehmen bestens», «jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt» oder «geben wir ihm noch eine Chance». Alles durchaus nachvollziehbare Argumente – bis man feststellt, dass die vermeintlich letzte Chance längst mehrfach gewährt wurde.
Bei unserer Tätigkeit im Bereich Executive Search begegnen wir solchen Situationen regelmässig. Die Erkenntnis ist selten das Problem. Häufig sind sich alle längst einig. Problematisch ist vielmehr, wie viel Zeit vergeht, bis daraus Konsequenzen gezogen werden. Wenn ein Problem seit Jahren bekannt ist, steht nicht mehr allein die Leistung einer Person zur Debatte, sondern auch der Mut der Führungskräfte, sich der Realität zu stellen.
Denn Nachsicht hat ihren Preis. Mitarbeitende gleichen die Defizite anderer aus, Führungskräfte sind damit beschäftigt, Probleme zu beheben, statt die Entwicklung voranzutreiben, und Talente erkennen schnell, dass nicht für alle dieselben Massstäbe gelten.
Wer eine einzelne Person um jeden Preis schützen will, bürdet mitunter einem ganzen Team die Folgen dieser Entscheidung auf. Die Engagiertesten übernehmen zusätzliche Aufgaben, die Führungskräfte passen sich an und die Ziele werden nach unten korrigiert. Was zunächst eine Ausnahme ist, wird allmählich zur Regel. Was zunächst nur vorübergehend sein sollte, wird zum Dauerzustand. Und was einst toleriert wurde, gilt irgendwann als akzeptabel.
Manchmal genügt eine einzige Frage: «Würden wir uns heute wieder für diese Person entscheiden, wenn die Stelle neu zu besetzen wäre?» Lautet die Antwort Nein, lässt sich der Status quo nur noch schwer rechtfertigen.
Das eigentliche Problem ist nicht die Mittelmässigkeit einer einzelnen Person, sondern dass sie im Unternehmen dauerhaft geduldet wird. Denn wer eine schwierige Entscheidung immer wieder aufschiebt, trifft letztlich eine weitaus folgenreichere: Die Leistungsstandards des gesamten Unternehmens werden stillschweigend gesenkt.
Die Besten erkennen, was vor sich geht. Sie protestieren nicht unbedingt. Sie gehen einfach.
Das ist aber noch nicht alles. Ein Unternehmen, das ungenügende Leistung dauerhaft toleriert, verliert mit der Zeit auch an Attraktivität für die Talente, die es gewinnen möchte. Anspruchsvolle Kandidatinnen und Kandidaten achten genau darauf, was ein Unternehmen wertschätzt, was es duldet und vor allem, was es über längere Zeit unverändert hinnimmt.
Entscheidend ist nicht, welche Werte ein Unternehmen nach aussen vertritt, sondern welche Leistungsstandards es im Alltag tatsächlich einfordert. Was entschieden wird, und was immer wieder aufgeschoben wird, sagt oft mehr aus als Worte.
Echte Führungsverantwortung bedeutet vor allem eines: zu verhindern, dass Mittelmässigkeit zum Standard wird.
