Artikel, der am 31. März 206 in der Bilan Opinions erscheinen wird.
Tagtäglich dürfen wir uns mit talentierten Persönlichkeiten austauschen, mit Kadermitarbeitenden und Führungskräften, die uns ihr Vertrauen entgegenbringen (ein zentraler Begriff in dieser kurzen Kolumne). Diese Gespräche regen uns zum Nachdenken an, sind mitunter auch philosophisch geprägt und eröffnen uns immer wieder neue Perspektiven auf Themen wie Leadership, berufliche Weiterentwicklung und persönliche Entwicklung.
Unlängst ging es in einem dieser Gespräche um eine oft vernachlässigte Unterscheidung, nämlich der zwischen Misstrauen und kritischem Denken. Allzu oft begegnen wir dogmatischen Haltungen – das ist gut, das ist schlecht. Situationen werden vorschnell bewertet, ohne kontextuelle Einordnung und ohne Raum für Neugier oder Entdeckungen zu lassen, die durchaus bereichernd sein können. Es stimmt zwar, dass unsere Vorfahren nicht diejenigen waren, die vor einem gefährlichen Tier zögerten, sondern diejenigen, die rasch die Flucht ergriffen. Doch die Zeiten haben sich geändert. Und damit auch die potenziellen Gefahren.

Misstrauen beschreibt eine Form der Wachsamkeit gegenüber anderen Menschen oder bestimmten Situationen. Es entsteht aus einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren wie persönlicher Erfahrung, vergangener Erlebnisse sowie individueller Werte und Normen. Obwohl Misstrauen an sich nicht schlecht ist, wird es oft als negativ wahrgenommen, weil es im Gegensatz zum Vertrauen steht, das die Grundlage menschlicher Beziehungen und Zusammenarbeit bildet. Misstrauen schafft Distanz zwischen Menschen und kann leicht in Argwohn umschlagen.
Kritisches Denken basiert auf einer anderen Haltung. Es geht nicht darum, sich zu schützen, sondern vielmehr darum, zu verstehen. Es ermutigt dazu, Dinge zu hinterfragen, zu analysieren und verschiedene Sichtweisen zu vergleichen, bevor man eine Schlussfolgerung zieht. Wo Misstrauen Türen schliesst, öffnet kritisches Denken sie einen Spalt breit. Misstrauen argwöhnt, kritisches Denken hinterfragt.
In der Berufswelt ist diese Unterscheidung entscheidend. Misstrauen kann uns zuweilen zwar schützen, schränkt aber auch unsere Fähigkeit ein, zu lernen, innovativ zu sein und vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen. Dadurch laufen wir Gefahr, eine Begegnung, eine Idee oder eine Chance zu verpassen.
Unser Berufsleben, wie auch unser Leben generell, ist geprägt von solchen entscheidenden Momenten, von diesen «sliding doors», in denen ein Gespräch, eine Begegnung oder eine Entscheidung einen Weg in eine unerwartete Richtung lenken kann.
Kritisches Denken bedeutet nicht, alles vorbehaltlos zu akzeptieren. Es bedeutet, sich Zeit zu nehmen, um zu verstehen, bevor man ein Urteil fällt. Wer sich weiterentwickeln will, muss sich auf Neues einlassen, Risiken eingehen und offen bleiben. Sich in einer Zone des konstruktiven Unbehagens bewegen, anstatt Misstrauen als Schutzmechanismus zu aktivieren. In einem Umfeld, in dem schnelle Gewissheiten oft bequemer sind als kritische Fragen, ist diese Fähigkeit Gold wert.









