Mittagessen mit Michael de Vivo, Mitgründer und CEO von depsys

Restaurant Le Chat Noir, Lausanne – Februar 2022

Ganci Partners lancierte 2018 eine Reihe von Lunch-Interviews mit Führungspersönlichkeiten lokaler Unternehmen. Wir freuen uns, dass wir das Konzept im laufenden Jahr fortsetzen können.

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Unser erster Gast ist Michael De Vivo, Mitbegründer und CEO von depsys, einem Schweizer Start-up mit über 40 Mitarbeitenden. Das in Puidoux ansässige Unternehmen gehört zu den Pionieren für Lösungen zur Analyse und Unterstützung des Betriebs von Stromverteilnetzen.

Im Januar 2022 hat die Cleantech Group* depsys in ihre Liste der hundert vielversprechendsten globalen Unternehmen aufgenommen. depsys gehört zu den Unternehmen, die sich einer CO2-neutralen, dezentralen, digitalen Welt verschrieben haben. Die Devise lautet: «Vom Engagement zum Handeln: der Sprint zu netto null».

Wenden wir uns nun der aussergewöhnlichen Laufbahn unseres Gastes zu.

Wenn es einen Satz gibt, den Michael De Vivo schon früh verinnerlicht hat , dann dieser: «Grenzen existieren nur in unserer Vorstellung!»

Er ist in der Schweiz geboren, verbringt jedoch seine Kindheit in Italien und kehrt erst mit 15 Jahren in die Schweiz zurück – ohne ein Wort Französisch zu sprechen. Die fehlenden Sprachkenntnisse veranlassen seinen Berufsberater, ihm ohne Berücksichtigung seiner übrigen Fähigkeiten einen handwerklichen Beruf zu empfehlen.

Obwohl ihn ein Studium interessiert hätte, entscheidet er sich für eine Lehre als Elektromonteur, die er mit Bravour besteht.

Nun will er dem Berufsberater, seiner Familie und sich selbst beweisen, dass er fähig ist, seine Ambitionen zu verwirklichen. Er will Verantwortung übernehmen und finanziell unabhängig sein. Da er seinen Angehörigen nicht 27 Umzüge zumuten will, ist seine Botschaft klar: «Macht euch keine Sorgen, ich kann für mich selber aufkommen.»

Er absolviert ein berufsbegleitendes Studium und erhält 2012 den Master of Science in Engineering.

In wenigen Jahren reift Michael De Vivo von einem Jugendlichen «ohne stabile Kernfamilie» zum Mitbegründer und CEO eines vielversprechenden Scale-up mit dem Ziel, die Energiewende voranzutreiben.

Michael ist positiv, visionär und entschlossen und beantwortet meine Fragen mit Begeisterung.

Ist der Unternehmergeist Bestandteil Ihrer DNA?

«Ich komme aus einer Familie von Unternehmern (mein Grossvater und mein Vater waren selbständigerwerbend). Schon sehr jung wollte ich mein eigener Chef sein. Ich mag es, Risiken einzugehen und Verantwortung als Leader zu übernehmen. Meinen Träumen und Ambitionen setze ich keine Grenzen.»

«Da ich mich sehr für Kosmologie, aber vor allem für Fragen zum Klimawandel interessiere, möchte ich hier Verantwortung übernehmen und Projekte in diese Richtung entwickeln. Mit der Gründung von depsys verbinde ich meine Leidenschaft mit meinem Beruf.»

Was ist Ihre Rolle als CEO?

«Diese besteht vor allem darin, dass ich meinen Teams Energie gebe, indem ich direkt und transparent kommuniziere. Ich lüge sie nicht an, verkaufe ihnen keinen Traum, zeige ihnen die Realität. In einem Start-up ist die Realität nicht immer «rosig». Wenn man die Teams auch in schwierigen Zeiten einbezieht, ist dies sehr bereichernd, da alle zum Erfolg oder zur Bewältigung von Herausforderungen beitragen können. Ziel ist es, alle im selben Boot zu halten, indem man sie motiviert und herausfordert. Einer der zentralen Punkte für ein Start-up wie depsys besteht darin, Innovation und Disruption im öffentlichen Sektor zu verkaufen, wo man dies nicht gewohnt ist. Bei sehr konservativen Kunden kann es schwierig sein, sie von digitalen Lösungen zu überzeugen. Im Alltag ist es deshalb wichtig, dafür zu sorgen, dass das gesamte Team motiviert bleibt. Auch wenn es nicht jeden Tag einen Erfolg zu feiern gibt.»

Was ist Ihr Rezept zur Motivation Ihrer Teams?

«Alle in die Verantwortung einbeziehen und ihnen Vertrauen schenken. Je stärker sich alle verantwortlich fühlen, desto mehr bringen sie sich ein. Meine Teams haben das Produkt depsys verinnerlicht. Sie fühlen sich als Unternehmer und arbeiten mit Vertrauen und Selbständigkeit. Heute weiss ich, dass ich mich auf wirklich solide Stützen verlassen kann.»

Was ist die nächste Etappe für depsys?

«Mein Ziel ist es, depsys auf eine nächste Stufe zu bringen. Ich strebe ein dreistelliges jährliches Wachstum an – und dass das Unternehmen als unbestrittener internationaler Leader im Stromsektor anerkannt wird und positiv Einfluss auf das Klima nehmen kann. Was kommt nach depsys? Daran denke ich noch nicht, aber es kann gut sein, dass ich nochmals Lust habe, ein neues Geschäft zu gründen.»

Sind Misserfolge auch Bestandteil Ihres Erfolgs?

«Während meines Studiums lancierte ich mehrere Projekte im Bereich Energie und Elektronik. Ich wollte Unternehmer sein. Ich glaube, mir wurde erst bewusst, dass ich ein Start-up gegründet hatte, als wir bereits voll arbeiteten. Das Ganze entstand step by step mit Joël Jaton und Guillaume Besson, meinen Freunden und Mitgründern. Wir konnten nicht wie die meisten Start-ups eine Idee übernehmen. Wir hatten einfach die Idee und Lust, Netzbetreiber zu unterstützen, die immer mehr Solarpanels ins Stromnetz integrieren sollten und bei denen die Gefahr bestand, dass das Netz dadurch destabilisiert wird. Unser Produkt – die Plattform «GridEye» für einen zentralen Netzbetrieb – entwickelten wir dann einige Jahre später. 4 Jahre lang realisierten wir Mandate im Bereich Elektronik. Wir lernten zu arbeiten, schrieben viele Offerten…. und täuschten uns auch häufig. Wir hatten viele Misserfolge, insbesondere 2012, als wir unseren ersten Prototypen auf den Markt brachen, den «Smart Grid». Es war dafür noch zu früh, die Kunden waren skeptisch. Ich bin überzeugt, dass Erfolg immer das Ergebnis vorangehender Misserfolge ist. Deshalb muss man eine gewisse «Liebe» zum Misserfolg haben, damit man Erfolg haben kann.»

Ihre grösste Herausforderung?

«Meine höchste Priorität ist meine Familie! Trotz der grossen Arbeitsbelastung ein Gleichgewicht zu finden zwischen meinen Rollen als Vater, Ehemann, Gründer und Unternehmer, indem ich Zeit mit meiner Frau und meinen Kindern im Alter von 3 und 6 Jahren verbringe: Das ist eine echte Herausforderung! Es ist nicht jeden Tag einfach: Ein Unternehmer muss sich zu 200 % für seine Firma engagieren. Meine Angst ist, dass ich nicht genügend Zeit für alles habe. Ich habe zu viele Träume und Leidenschaften. Das Leben ist zu kurz.»

Sie geben gleich das nächste Stichwort: Was sind Ihre Leidenschaften?

«Ich treibe gerne Sport und verbringe Zeit mit meiner Familie, beim Wandern, Skifahren oder anderen Outdoor-Aktivitäten. Ich interessiere mich auch sehr für Fragen zum Klimawandel und kann mich stundenlang in Werke über Astronomie und Kosmologie vertiefen. Es gibt noch so viel zu entdecken. Wenn sich mir etwas noch nicht ganz erschlossen hat, weckt das in mir eine Leidenschaft! »

Ein verborgenes Talent?

«Seit der frühen Kindheit mache ich Musik. Ich habe an Wettbewerben teilgenommen und gewonnen und hatte sogar einen Vertrag mit einer grossen französischen Plattenfirma unterzeichnet. Doch ich wurde mir bewusst, wie ungesund diese Welt ist und habe entschieden, diesen Weg nicht weiterzugehen.»

Das Schlusswort

«Mich inspirieren immer neue Herausforderungen. Sobald ich ein Ziel schliesslich erreicht habe, brauche ich ein neues. Das menschliche Handeln auf der Erde liegt mir ebenfalls sehr am Herzen. Meine grösste Ambition wäre, dass ich einen Beitrag dazu leisten kann, die Welt im positiven Sinne zu verändern.»

* Cleantech Group versteht sich als Katalysator für innovationsgetriebenes nachhaltiges Wachstum und bietet in diesem Bereich Forschung, Beratung und Veranstaltungen.

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