Lehren aus der (Halb-)Isolation

Die Krise von 2020 ist noch nicht überstanden. Wir werden uns aber auf diese unsichere Situation einstellen, so wie sich Menschen schon immer an unkontrollierbare Ereignisse angepasst haben. Die wahrscheinliche Langlebigkeit dieser Gegebenheit wirft jedoch die Frage auf, wie sich der geänderte Arbeitsalltag auf Arbeitnehmende in (Halb-)Isolation auswirkt.

Das Homeoffice hat uns einige Fähigkeiten vor Augen geführt, von denen wir nicht wussten, dass wir sie haben. Aber gleichzeitig auch den Mangel bei anderen aufgezeigt, von denen wir dachten, dass wir sie beherrschen. Hier eine kurze, bei weitem nicht vollumfassende Darstellung der Situation nach sechs Monaten der Krise. Lassen Sie uns mit dem „schwierigen“ Teil beginnen:

  • Da wir mit IT-Tools, deren Funktionsweise uns weitgehend unbekannt war, auf uns allein gestellt waren, mussten wir den Umgang mit verschiedenen (mehr oder weniger sicheren) Verbindungsmodi lernen. Aber der grosse Schritt nach vorn war, die Funktionsweise der verschiedensten Telekonferenz-Tools zu erlernen, denn selten wird in zwei Firmen dieselbe Software verwendet. Wer hat nicht schon zwei Minuten lang im leeren Raum gesprochen und sich von seinen Gesprächspartnern meisterhaft ignoriert gefühlt, nur um dann festzustellen, dass sein Mikrofon stumm geschalten war? Oder ging mitten in der Rede des Vorgesetzen einen Kaffee trinken, weil man dachte, man hätte das Video ausgeschaltet?
  • Bei Videokonferenzen mussten wir auch lernen, anderen mit grosser Aufmerksamkeit zuzuhören (oder zumindest so zu tun): Es ist nicht einfach, konzentriert vor einem Bildschirm zu bleiben, selbst für diejenigen, die das Glück haben, nicht durch den Aufruhr der Familie gestört zu werden. Und wenn dazu das Thema nicht spannend ist oder die Wirkung des Kaffees nachgelassen hat…
  • Die Rollenteilung ist nicht immer so, wie wir sie vermuten: Sehr erstaunt waren wir ab der Entdeckung der mangelnden Computerkenntnisse bei unseren (Post-)Teenagern: Es ist eine Sache, WhatsApp-Nachrichten zu schreiben wie andere mit einem Maschinengewehr schiessen. Aber es ist eine andere Sache, die grundlegende Logik der Informatik zu verstehen. Lang lebe MS-DOS!
  • Auffällig war die Entdeckung des eigenen Verhaltens in einem ungewohnten Arbeitsumfeld. Homeoffice erfordert Selbstdisziplin. Für viele von uns ist eine effiziente Arbeitsweise nur in der Büroumgebung möglich. Was uns antreibt, ist die von der Gemeinschaft erzeugte Energie und die gemeinsame Überzeugung, dass unsere Arbeit, Sinn macht. Auf sich allein gestellt, waren einige weniger arbeitsfreudig und tendierten dazu, ihre Motivation in Frage zu stellen. Ganz zu schweigen vom schädlichen Klima der Angst zu Beginn der Krise, das bei vielen zu einer Desorientierung geführt hat.
  • Unsere Fähigkeit uns zu organisieren (beruflich und privat) wurde auf die Probe gestellt. Der eine Teil der eingesperrten Bevölkerung ist dabei untergegangen, der andere Teil hat seine Produktivität verzehnfacht.
  • Die Verantwortung, andere aus Distanz zu führen, ist eine gewaltige Herausforderung: Die eigentliche Natur der Führung liegt vor allem in der Interaktion miteinander. Kein Computer kann den ganzen Reichtum der nonverbalen Kommunikation erfassen, die in einem persönlichen Gespräch stattfindet. Dies wirkt sich sowohl auf die Führungsperson aus, welche ihre motivierenden Fähigkeiten neu einsetzen muss, aber auch auf die Mitarbeitenden, die sich möglicherweise von der Realität abgekoppelt fühlen.
  • Mangelnde Sozialisation war das erste Syndrom, welches sich äusserte. Wie kann dieser Mangel ausgeglichen werden? Wo können wir Motivation finden, wenn wir uns nicht auf die nächsten Ferien am Meer freuen können? Wir haben nicht alle die gleichen mentalen Ressourcen in solchen Situationen. Ganz zu schweigen davon, dass auch die traditionellen Beschäftigungen (Sport, ehrenamtliche Tätigkeit, Hobbys, …) untergegangen sind. Eine aufrichtige Warnung an diejenigen, die davon träumen, unabhängig zu werden.

Die Liste ist noch um einiges länger. Es liegt an jedem Einzelnen, diese Erfahrung als eine Übung der Selbstbeobachtung zu etablieren. Warum sollten Sie das tun? Wir denken, dass diese Zeit viele unserer Stärken und Schwächen offenbart hat. Es ist eine einzigartige Gelegenheit, Bilanz zu ziehen und den eigenen Karrierepfad neu zu planen. Vielleicht haben wir uns in Bereichen als kompetent erwiesen, in denen wir uns nicht für kompetent hielten und umgekehrt. Wenn wir unsere Grenzen erreicht haben, können wir analysieren, was in unserem Leben wichtig ist (beruflich oder nicht). Und für einige von uns, könnte es der richtige Zeitpunkt sein, um einen Neuanfang zu wagen.

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