Duzen oder Siezen?

Ein Morgen im Mai, in einer hippen Boutique in Zürich – sofern eine Boutique noch hip sein kann, wenn eine Person über vierzig sie betritt, aber das ist ein anderes Thema. Die Person am Empfang schenkt dem Unbekannten ein freundliches Lächeln und fragt: «Wie kann ich dir helfen?[1]». Das kommt unerwartet, denn schliesslich haben wir – wie man in der Westschweiz sagt – «nicht zusammen Schweine gehütet»[2]. Doch dieser kulturelle Clash ist weniger interessant, als über die Perplexität der Person nachzudenken. Auch innerhalb der Schweiz muss man, so wie man es im Ausland tun würde, eine kulturelle Kluft akzeptieren. Trotzdem hätte in diesem Fall ein «Sie» das Kundenerlebnis kaum geschmälert, sondern der Kunde hätte sich genauso respektiert gefühlt und das Personal wäre nicht das Risiko eingegangen, dass er sich beleidigt fühlt. Das Duzen soll den Eindruck vermitteln, dass man auf Augenhöhe ist – aber inwiefern? Auch wenn sich die beiden Parteien siezen, ist das Verhältnis ebenbürtig, und umgekehrt ändert das Duzen nichts am Kunde-Anbieter-Verhältnis (das kein Machtverhältnis ist!). Ein Vorteil ist schwer zu erkennen.

Es gibt etablierte Codes und Bräuche, und wenn diese missachtet werden, bringen sie das Gegenüber in eine ambivalente, zwiespältige Situation. Dasselbe gilt für die physische Distanz zwischen zwei Personen, die von der Vertrautheit und der Situation abhängt. In einem vollen Lift ist ein Abstand unterhalb der Norm akzeptabel. Das Problem in unserem Fall ist, dass das Siezen ein Zeichen von Respekt, Anerkennung und tatsächlicher Nicht-Vertrautheit ist. Mit dem Missachten dieses Codes ohne Einwilligung des Gegenübers wird der Abstand einseitig und ohne Absprache unterschritten – wie mit einem Küsschen bei der ersten Begegnung, ungefragtem Probieren vom Teller des Tischnachbarn oder dem Belegen eines freien Stuhls am Nachbartisch im Café ohne zu fragen, ob er wirklich frei ist (doch, das passiert öfter, als Sie denken). Man verletzt ein ungeschriebenes Gesetz.

Wie sieht es damit im beruflichen Umfeld aus? In der französischsprachigen Schweiz ist es heute schon fast üblich, seine Arbeitskolleginnen und -kollegen zu duzen, unabhängig von Altersunterschied oder der hierarchischer Position (bzw. dem Machtverhältnis, was nicht immer dasselbe ist). Während es meist als recht natürlich empfunden wird, Personen der eigenen Generation zu duzen, trifft dies bei altersgemischten Gruppen weniger zu. Entgegen der landläufigen Meinung kostet das Duzen für beide Seiten Überwindung. Ältere Menschen wollen junge nicht duzen, weil sie befürchten, dass es als fehlender Respekt wahrgenommen wird, und jungen Menschen fällt es schwer, ältere (bzw. Ältere) zu duzen, was verständlich ist.

Das Duzen folgt ungeschriebenen Regeln, die von der (sehr) lokalen Kultur abhängen (Genf ist nicht gleich Bern und symbolisiert einen Fortschritt in der Beziehung. Eine Beziehung und eine Bindung wollen aufgebaut werden, und je mehr Zeit zur Verfügung steht, desto solider und authentischer werden sie. Gewisse Rhythmen kann man nicht einfach beschleunigen. Das Duzen sollte ein Etappenziel sein, das man feiern muss, und sei es nur mit einem Glas Wein.

Wenn wir von Beziehung und Bindung sprechen, sprechen wir zwangsläufig auch von Respekt. Doch ob man das Gegenüber respektiert, hängt nicht davon ab, wie man die Person anspricht: Man duzt Personen, die man kaum oder gar nicht kennt, weil man älter ist oder es so üblich ist, während man andere, zu denen man ein viel engeres Verhältnis hat, siezt. Das Duzen bringt zwei Personen, die sich nicht nahe stehen wollen, nicht näher zusammen.

In dem Sinne sollten also in die Welt hinausgehen und den Menschen mit Respekt begegnen, indem wir sie vielleicht einmal zu viel als zu wenig siezen.  


[1] Natürlich auf Schweizerdeutsch, das jedoch keine formalisierte Schriftsprache kennt

[2] Französische Redewendung (garder les cochons ensemble: eine Situation erleben, die verbindet)

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